Pfarrer Ewald Förschler

Seid barmherzig,
wie auch euer Vater
barmherzig ist!

Jahreslosung 2021 aus Lukas 6, 36
ausgelegt von Pfarrer Ewald Förschler

Geheilte Beziehungen“ könnte der Titel des Buches sein, das wir Lukasevangelium nennen. Es wurde von Lukas geschrieben. Er gehörte als Grieche einer höheren Gesellschaftsschicht an. Lukas hat überwiegend in Griechenland gelebt. Ein Buch über das Leben Jesu hat er zwischen 80 und 90 nach Christus geschrieben. Lukas ist viel gereist, sicher auch nach Jerusalem. Er wollte das Leben Jesu und die Geschichte der jungen Kirche erzählen und daraus einen Bestseller machen, den der „hochverehrte Theophilus“ (1,3) eine hochgestellte und wohlhabende Persönlichkeit, veröffentlichen und verbreiten soll.

Lukas erzählt. Er dogmatisiert nicht. Er will heilige Geschichte erzählen. Der Leser fühlt sich frei, wird in die Geschichten mitgenommen und kann sich in ihnen entdecken. Seine Erzählung ist eine Werbeschrift für Jesus und seine Botschaft. Sein Buch soll dem Leser Halt und Sicherheit geben. Er soll wissen, worauf er sein Leben bauen kann.

Lukas war Arzt. Ihm lag es an der Heilung des Menschen. Aus seinem zweiteiligen Buch (Evangelium und Apostelgeschichte) geht hervor, dass es ihm um die Kunst des gesunden Lebens. Lukas erzählt von Jesus als dem Anführer des Lebens, als den, der in die Kunst des gesunden Lebens einführt, damit das Leben gelingen kann. Das Anliegen des Lukas war, ein Buch zum Thema „Lebenshilfe aus dem Glauben“ zu schreiben.

Dabei geht es um das rechte Maß. Nur was maßvoll ist, kann auch gut werden. Zu diesem Maß gehört das Ausgleichen der Gegensätze. Der Mensch soll seine innere Zerrissenheit überwinden und zur Einheit mit sich selbst und mit Gott finden. Daher liebt Lukas die Gegensätze. Das zeigt sich daran, dass er einem Mann immer eine Frau zur Seite stellt, etwa bei Simeon und Hanna, oder wie bei Simon von Cyrene und den weinenden Frauen. Gerne erzählt er auch von zwei Schwestern (Martha und Maria), zwei Brüdern (Lukas 15), zwei schwangeren Frauen (Elisabeth und Maria). Er schildert immer zwei Pole des Menschen. Lukas ist ein Meister darin, beide Pole verständlich zu machen. So hilft er seinen Lesern zum verstehen beider Bereiche und schützt sie zugleich davor, sich idealisierend einen Pol zu eigen zu machen. So beim Thema Nächstenliebe (10,25-37), dem sich das Thema Gottesliebe anschließt (10,38-42). Lukas sieht in Jesus den, der unser wahres Bild entfalten kann, denn jeder Mensch hat einen göttlichen Kern.

Lukas traut dem Menschen etwas zu. Es geht ihm darum, wie der Mensch in einer Welt so leben kann, dass er berührt wird von der Schönheit und dem Gutsein Gottes. In Jesus sieht er den, der unser wahres Bild entfalten kann, denn jeder Mensch hat einen göttlichen Kern. Dieses positive Menschenbild tut gut.

Wie der Vater“. Man muss nicht lange im Buch des Lukas suchen, um den „Vater“ zu finden. Lukas schildert ihn in einem seiner schönsten Gleichnisse (15,11-32). Mit diesem Gleichnis will Lukas, dass wir eine Stellung beziehen und eine Haltung entwickeln. Indem er das Gleichnis Jesu erzählt und wir es erleben, werden wir bewegt. Und so werden wir dieses Gleichnis über den barmherzigen Vater nicht lesen, ohne in einen inneren Prozess zu geraten, der uns verwandeln wird. Vom jüngeren und älteren Bruder (siehe Gegensatzpaar) werden wir vor die Fragen gestellt: Wo stehe ich? Bin ich mehr der jüngere oder der ältere Sohn? Oder bin ich beides? Kenne ich beide Seiten an mir? Dem jüngeren Sohn ist das angepasste Leben daheim leid. Er fordert vom Vater das vorzeitige Erbe und bekommt es von ihm. Er möchte leben, und zwar sofort und ohne Maß. Es zieht ihn in ein fernes Land. Dort verschleudert er sein Erbe „in einem liederlichen Leben“. Genau übersetzt heißt es: „Er lebte ohne Hoffnung auf Heil, er lebte heillos, zügellos, lasterhaft.“ Dass er so tief fällt und schließlich Schweine hütet, ist für einen jüdischen Leser das Bild dafür, dass der jüngere Sohn sich völlig verloren und seine Würde aufgegeben hat. Am Nullpunkt seines Lebens angekommen, kommt er zu sich. Er, sich selbst entfremdet, der sich in die Hände anderer gegeben hat, kommt wieder in Kontakt zu sich selbst. Er kehrt heim zu seinem Vater. Obwohl er dabei ist, sich selbst aufzugeben, will der dennoch leben. Als er heimkehrt, begegnet er seinem Vater. Statt einer Schimpftirade oder einer schallenden Ohrfeige, hat der Vater Erbarmen mit ihm. Er läuft ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Das Wiedersehen endet in einem Freudenfest.

Bei Lukas erzählt Jesus dieses Gleichnis, um zu zeigen, wer der Vater ist. Und er selbst, Jesus, ist vom Himmel herabgekommen, um den barmherzigen Vater zu verkünden, der Mitleid mit den Menschen hat, die sich selbst verloren haben, die innerlich abgestorben sind und die sich selbst entfremdet haben. Indem Jesus mit diesen Menschen isst und trinkt, lässt er den barmherzigen Vater sichtbar und hörbar erscheinen. Das ist ein Grund zur Freude und zum Feiern. Denn es gibt keinen Grund, sich aufzugeben. Auch wenn man in die Irre gegangen ist und seinen Hunger mit billigem Zeug gestillt hat, gibt es das Heimkehren in das Haus des Vaters, in dem wir ganz sein dürfen, was wir von Gott her sind: seine Töchter und Söhne.

Barmherzig wie der Vater“. Heile, geheilte und deshalb gute Beziehungen gehören zu einem guten Leben. Doch wie soll ein Leben gut sein, wenn es sich in dem erschöpft, was der diesjährigen Jahreslosung vorausgeht? Den Feind hassen, verfluchen, beleidigen, zurückschlagen, fordern. Solche inneren Haltungen vergiften ein Leben. Jesus wusste darum und deshalb treibt er die Barmherzigkeit als eine Frucht der Liebe auf die Spitze. Dem feindseligen Leben stellt er das barmherzige gegenüber: lieben, segnen, beten, nachgeben, loslassen. Wir haben beides in uns. Jesus weiß darum. Deshalb verschweigt er den Gegensatz zu einem barmherzigen Lebensstil nicht einfach. Er will uns aber zu sich ziehen, weil er ein gutes Leben für uns haben will. Und dazu gehört, radikal barmherzig zu sein. Jesus weiß, dass das ein täglicher Kampf sein wird, ein innerer Prozess, ein inneres Überwinden hin zu einem mehr und mehr barmherzigen Lebensstil.

Barmherzig mit anderen“. „Beim Armen das Herz haben.“ „B Arm Herz“. Barmherzig. So ist Gott. Er hat sein Herz bei den Armen. Wer ist arm? Wer zu wenig Geld hat und jeden Euro zweimal umdrehen muss. Wer zu wenig geliebt und stets wegstoßen wird. Und wer sich groß aufspielt und man weiß genau, dass er damit nur seine Armseligkeit überspielt. Und wer trauert, weil er verloren hat. Und auch, wer nicht mehr weiß, wie es mit ihm oder ihr weitergeht. Und auch, wer sich nichts mehr zutraut, weil er Angst vor Fehlern hat. Und alle, die wissen, wie sich elend sein anfühlt. Die alle sind arm dran. Jesus sagt: Seid barmherzig mit ihnen. Barmherzig sein heißt auch, genau hinschauen, wo Gewalt im Spiel ist, menschenverachtende Sprüche geklopft werden und jemand zu wenig hat.

Barmherzig mit mir selbst“. „Bei mir Armem das Herz haben.“ Barmherzigkeit rechnet damit, dass kein Mensch vollkommen ist und immer erfolgreich. Es geht auch mal was schief. Fehler werden gemacht, die meisten ohne Absicht. Die „weiße Weste“ ist aus Sicht der Barmherzigkeit nicht erstrebenswert, genauso wenig ein selbstgerechtes Auftreten. Ich muss mich auch nicht ständig selbst gnadenlos runtermachen. Wenn es so ist, bin ich arm dran. Wenn ich das nicht mehr sein will, kann ich es ändern. Jesus traut es mir zu, er glaubt an mich. Er will seinen Reichtum für mich. Und ein Schatz dieses Reichtums ist die Barmherzigkeit, die von seinem Vater ausgeht. Das ist Balsam für die Seele, als hätte ihn Lukas, der Arzt, persönlich verschrieben.

Das Jahr 2021 kann ein Jahr der Barmherzigkeit werden. Im Barmherzig sein sind wir wohl keine großen Künstler. Das Jahr 2021 lädt uns ein, uns in Barmherzigkeit zu üben – Tag für Tag. So werden Gegensätze überwunden und Beziehungen geheilt – zu sich selbst und anderen. Ein Jahr wie ein Trainingslager und mit einer Meisterschaft, die am 31.12.2021 groß gefeiert wird. Das wäre dann ganz im Sinne des Lukas.

Literatur:
Grün, Anselm, Jesus – Bild des Menschen. Das Evangelium nach Lukas, Kreuz Verlag 2001
Gollwitzer, Helmut, Die Freude Gottes, Burckhardthaus-Verlag GmbH 1940
Pastoralblätter Januar 2021, Herder, Freiburg
Stuttgarter Erklärungsbibel, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 2005
Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece, Deutsche Bibelstiftung Stuttgart 1979
Rienecker, Fritz, Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament, Brunnen-Verlag, Gießen-Basel 1977